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Wolter
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200 Jahre tot ist dieser Mann seit gestern... (gelesen 2885 x)
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19.12.2003 08:01:39 Mitglieds-Nummer: 4000
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Johann Gottfried Herder 1744-1803
(Ups, da hat ein baltisches Treffen gestern doch arg lange gedauert - so kommt dieser Beitrag einen Tag zu spät; aber was ist schon ein Täglein im Gegensatz zu 200 Jahren...? - nur schnell das WORD-Dokument vollenden...)
Am 18. Dezember vor 200 Jahren starb Johann Gottfried Herder, der Anreger der dichterischen "Sturm und Drang"-Periode, der paradoxerweise im ostmitteleuropäischen Ausland mehr geschätzt zu werden scheint als im Ausland, was ganz wesentlich an diesem Buch liegt:
Stimmen der Völker in Liedern
Johann Gottfried Herder
Preis: 14,10 € (gebraucht ab 7,95 €)
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In dieser für damalige Verhältnisse doch ziemlich ungewöhnlichen Gedichtsammlung (mit Gedichten z. B. aus Lappland, Estland, Lettland, Litauen) öffnete Herder nicht nur seinen Landsleuten, sondern auch den (sog. "ursprünglicheren") Völkern östlich Deutschlands den Blick für deren Poesie und dichterische Kraft - Völkern, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts, ob sie nun Teil Zarenrußlands oder "Kakaniens" waren, den Wert nationaler Selbstbestimmung schätzen lernten, und dies nicht zuletzt der Schriften Herders wegen. Hier ist seine "Theorie vom Volksgeist" zusammengefaßt, die neben natürlich Überholtem doch auch so manch erstaunlich Aktuelles enthält - wenn ich da nur an die deutsche Sprachverarmung durch die heutige Anglomanie denke, die der seinerzeitigen "Gallicomanie" ähnelt (wobei der Unterschied der ist, daß die heutige Anglomanie, siehe auch "Ein Sprachappell", alle soziologisch kategorisierbaren Gruppen erfaßt hat und nicht nur eine Minderheits-Oberschicht von Adel und frühem Großbürgertum, die ja später an politischer Bedeutung etwas verlor; deshalb - in Kombination mit der heutigen Mediensituation - bin ich die Reversibilität dieser "Dauermode" betreffend relativ pessimistisch). Man lasse sich nicht von Herders "Germanendefinition" irritieren: sie wird von einer von den Nazis völlig verschiedenen, nämlich sich gleichwertig in die Völkergemeinschaft einordnenden Haltung getragen, und daher ist es mir auch reichlich schwer verständlich, daß er sowohl von vielen Deutschen, als auch von den in ihrem Nationalbewußtsein gerade erst erwachenden östlicheren Völkern dermaßen nationalistisch mißinterpretiert wurde: man pickt sich halt immer bevorzugt die Textstellen heraus, die einem am besten passen und läßt die differenzierenderen gerne untern Tisch fallen...
Von daher ist das Genörgel in der WELT über den anhaltenden Mythos von der "volkstümelnden Mitschuld" der Herderschen Gedanken an der nationalsozialistischen Herrenmenschen-Wahnidee einerseits verständlich, denn Herder richtig gelesen kann man eine derartige kausale Verknüpfung zwischen diesen beiden Dingen nicht ernsthaft begründen; andererseits gab es ja nun einmal das heute so genannte Zeitalter des Nationalismus, das eben nicht nur von Napoleon unabsichtlich durch die in den von ihm besetzten Ländern provozierten Befreiungskriege initiiert wurde, sondern auch (selektiv, aber doch) solche theoretischen Schriften als ideologische Grundlage hatte, von daher wiederum finde ich das WELT-Genörgel übertrieben. Und wenn sogar eine ausgesprochen linke Zeitung den "wahren" Herder vom falsch rezipierten Herder unterscheiden kann (wenn auch ein paar biographische Details falsch sind, z.B. ist Herder Ostpreuße und kein Livländer, auch litt er an einer chronischen Augenkrankheit, aber das hat ja keine ideologischen Auswirkungen), wo ist dann eigentlich noch das Problem? Die so formulierte Frage gibt die Antwort schon fast vor: das Problem ist nicht Herder, sondern die falsche Rezeption. Wie beim Antisemitismus, der ja manchmal auch nur (unberechtigt) unterstellt wird (ohne reell vorhanden zu sein), hat auch diese Rezeptionsproblematik (natürlich auch Hitlers wegen) einen doppelten Boden: von linker Seite - sofern man dort überhaupt schon bereit ist, Herders Texten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - wird dem politischen Gegner gelegentlich eben jene selektiv-mißbräuchliche Textverwertung nur unterstellt, da man linkerseits, von einer Allergie gegen das Sich(-positiv)-als-Deutscher-Empfinden geplagt (siehe Thanil.Bernetar als Beispiel mit seiner Reihenfolge Kölner-Europäer-Deutscher), ja schon Probleme hat, ein etwas ausdrücklicher formuliertes Bekenntnis zur eigenen Identität als demokratisch unbedenklich zu akzeptieren... Na ja. Es wäre ja so einfach, über die politischen Gräben hinweg zu einer Einigung über Herders geschichtlich- geistige Bedeutung zu kommen, aber man definiert sich ja gerne über die nicht immer sachliche Abgrenzung vom politischen Gegner (ganz verrückte Schreckschrauben gehen sogar so weit, Anzeige wg. Volksverhetzung nach persönlichen Schmähworten zu erstatten)...
Nach diesen hoffentlich befriedenden Worten soll nun doch eine Feuilleton-Würdigung ohne diesen ideologischen Grabenkrieg folgen:
Sucher, Streiter, Träumer
Von der Weltpoesie zur lutherischen Theologie, aus dem Sturm und Drang in den Windschatten der Weimarer Klassik: Johann Gottfried Herders Werk und Wesen lassen sich in keine Formel fassen. Zum 200. Todestag ein Porträt
Von Klaus Günzel Die beiden letzten Absätze:
Ein Denkmal ganz anderer Art stiftete ihm die französische Schriftstellerin Germaine de Staël, die erst am 13. Dezember 1803 in Weimar angekommen war, sodass sie den bereits Sterbenskranken nicht mehr persönlich kennen lernen konnte. Aber ihr Deutschland-Buch enthält ein Epitaph, über das sich Herder vermutlich gefreut hätte. Man könne, heißt es dort, im Schein seiner Fackel durch die Dunkelheit wandeln, die Persepolis und Babylon, Hebräer und Ägypter sonst umgebe. »Man glaubt an der Seite eines historischen Dichters durch die alte Welt zu gehen; eines Zauberers, welcher die Trümmer mit seinem Stabe berührt und eingesunkene Gebäude vor unsern Augen wieder errichtet.«
Ein Abglanz des Zauberstabes, den Madame de Staël verspürte, geht noch heute von seinen sprachgewaltigen Rhapsodien aus, wenn man sich nur endlich dazu entschließen könnte, den Staub der Antiquariate und Bibliotheken von ihnen wegzublasen.
So sei es! Vor dem wesentlichen Werk aber (nach zwei kurzen Überblicken per Link) die im ZEIT-Artikel erwähnte neue Herder-Biografie:
Vielleicht tut's aber auch noch dieses kleine Reclam-Heftchen im klassischen Gelb:
Und in klassischem Reclam-Gelb geht es für den weiter, den die sprachphilosophischen Fragen im Sinne der "Theorie vom Volksgeist" zur Vertiefung interessieren:
Ach ja, die guten alten Reclam-Heftchen...
Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit
Johann Gottfried Herder
Preis (auch gebraucht): 2,10 €
Bestellen bei amazon
Reclam totaaal... ist doch preiswert, Leute! Zu diesem Werk ist anzumerken, daß es einen Wendepunkt im Leben und im literarischen Schaffen Herders darstellt: nach fünf Jahren Aufenthalt in Rīga als Domprediger (ab 1764, als er gerade einmal zwanzig war!), in denen er erste ihn bekanntmachende Arbeiten schrieb (und anfing, für seine spätere Veröffentlichung Lieder anderer Völker zu sammeln, siehe Resultat ganz oben in diesem Beitrag und den Link zur "Theorie des Volksgeistes"), spürte er den dringenden Bedarf nach Luftwechsel, er kündigte kurzerhand und segelte ab. Die folgende Reise beschreibt er, und sie wird für ihn zweifach lebensentscheidend: in Darmstadt lernt er seine spätere Frau kennen, und in Straßburg macht er (26 Jahre alt) zufällig die Bekanntschaft mit Goethe (21 Jahre). Goethe wird ihn später nach Weimar als Generalsuperintendent holen, und in diesem "städtischen Dorf" wird er am 18. Dezember 1803 sterben und begraben werden. - Aber zurück zur Reise: er traf auch noch andere damalige Geistesgrößen wie z.B. Matthias Claudius und Gotthold Ephraim Lessing...
Ha, und falls eine vom BC am Sonnabend den Lotto-Jackpot knackt :
Werke, 10 Bde. in 11 Tl.-Bdn., Ln
Johann Gottfried Herder
Preis: 948,00 €
Bestellen Natürlich ist es mir als "Lettländer" nicht ganz unwichtig, daß Herder besonders in Lettland Spuren hinterlassen hat, deshalb weise ich noch einmal besonders darauf hin - allerdings nicht ohne zu erwähnen, daß nicht nur Krišjanis Barons mit seiner grandiosen Sammlung der Dainas den Anregungen Herders gefolgt ist, sondern etwas früher in Deutschland auch schon die Brüder Grimm mit den Märchen und das Duo von Arnim/Brentano mit "Des Knaben Wunderhorn". Und auf musikalischem Gebiet kann man auch Bartok und Kodaly, die über Jahrzehnte von Dorf zu Dorf zogen, um die bis dato nur mündlich tradierten Weisen per Edison-Phonograph für die Nachwelt zu dokumentieren und somit zu sichern, als "Herder-Jünger" bezeichnen. Man sollte Herder deshalb rühmen und ehren! Aber hier nun die lettischen Spuren:
Kultur in Lettland
Herausragend ist der Reichtum des lettischen Liedguts, der Dainas, der bereits Johann Gottfried Herder (1744-1803) während seiner Rigaer Predigerjahre zu einer Begeisterung hinriß, von der auch Goethe nicht unberührt bleiben sollte. Herder nahm einige lettische Dainas in seine Sammlung Stimmen der Völker in Liedern auf. "Keine Feier oder Hochzeit, kein Johannis- oder Erntefest, ja, keine Arbeit, ob auf dem Felde oder am Spinnrad daheim, geschieht ohne das Singen von Liedern", bemerkte der Linguist Gotthard Friedrich Stender (1714-1796), der 1789 das erste lettisch-deutsche Wörterbuch herausgab. Seit Krišjānis Barons (1835-1923) im Jahre 1893 mit dem systematischen Sammeln und Archivieren der ursprünglich nur mündlich tradierten Dainas begann, wurden mittlerweile über 1,2 Millionen der meist vierzeiligen und doch in sich geschlossenen Volkslieder zusammengetragen. Auf jeden lebenden Letten kommt somit praktisch ein Lied.
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Klavins (Kļaviņ....gif">, K.[*]: Die Interpretationen des Mittelalters un Lettland während des nationalen Erwachens der Letten
Für das junglettische Geschichtsbewußtsein waren die Werke Johann Gottfried Herders (1744-1803) und besonders seine Theorie von dem "Volksgeist" ("Volksseele"), durch das jedes Volk einen besonderen Wert besitzt ungeachtet der Stufe seiner Zivilisation - die auch das nationale Erwachen anderer Völker Osteuropas (Ukrainer, Belorussen usw.) beeinflußt hat - von großer Bedeutung. In seiner Arbeit Stimmen der Völker in Liedern äußerte sich Herder über die Schönheit der lettischen Volkslieder und bedauerte den Verlust der epischen Motive während der langen Fremdherrschaft, wie Merkel auch. Diese Aussagen ermutigten die Jungletten, nach dem Heroischen und Epischen in der eigenen Geschichte zu suchen.
[...]
Von der Erforschung der Volkskultur (bzw. der Volkslieder) bis zur romantischen Geschichtsauffassung und zum nationalen Selbstverständnis war es nur ein Schritt. Bereits Herder und Merkel meinten, daß die lettischen Volkslieder zwar keine epischen Züge aufweisen, doch diese müssen in der Frühzeit dagewesen sein, nur sind sie während der deutschen Oberherrschaft verlorengegangen. Diese Hypothese konnten die Jungletten mit der dominierenden mythologischen Theorie der Mitte des 19. Jahrhunderts verbinden, aus deren Sicht die Folklore nur ein Ausklang der uralten Mythologie war. Der lettische Folklorist und größte Volksliedersammler, Krišjānis Barons (1845-1923), schrieb im Vorwort seiner monumentalen Volksliedersammlung...(Klick! )
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EDIT - ein weiterer Artikel in der Welt:
Der treuherzige, starke, naive Dialekt
Aus Anlass seines 200. Todestages erscheinen viele Werke des großen Sprachwissenschaftlers, Dichters und Theologen Johann Gottfried Herder in neuen, kommentierten Ausgaben
Der bis heute prägende Historismus, der jeder geschichtlichen Erscheinung ihr eigenes Recht aus den Bedingungen ihrer Entstehung gewährt, wurzelt im Denken Johann Gottfried Herders, dem es als einzigem gelang, noch einmal die auseinander strebenden Wege zusammenzuführen, auf denen die Dichter und Gelehrten voranstürmten. Die 1787 gedruckten "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" bieten die umfassendste Darstellung seiner Anthropologie mit ihrer revolutionären Kehre, die den Menschen nicht mehr als die Krone der Schöpfung, sondern als ein "Mittelgeschöpf unter den Tieren" deutet, das die Not des Mangels durch den Vorzug des aufrechten Ganges kompensiert. Mit diesem Gang "wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf. Denn durch ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernt, wird er eingeweiht, alle zu lernen". Hinzukam das göttliche Geschenk der Rede, dem Herder schon 1772 die berühmte "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" gewidmet hatte.
Das ist ein gutes Schlußwort , denn diese Vorwegnahme der Evolution Jahrzehnte vor der Entdeckung des Neandertalers und der TEvolutionstheorie von Charles Darwin ist wohl bis jetzt kaum in das historische Bewußtsein gedrungen!
Wolter
P.S.: Wer eine Diskussion über Herders Thesen und deren Bedeutung für uns Heutige eröffnen möchte, kann gerne einen Ordner aufmachen und im Erstbeitrag auf diesen Beitrag mit dieser URL hinweisen...
Und Mehlvogel, die irritierenden Falschzeichen beim Euro-Symbol und den lettischen Buchstaben werden sich doch wieder durch die richtige Anzeige ersetzen lassen?
22.12.2003 23:43:33: Dieser Beitrag wurde editiert, von Wolter |
Staatsflagge:  | Von: Wenden (Cesis) | Beruf: Ordensmeister |
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